Soziale Stadt in Göttingen: Oberflächenkonsmetik und Mittelschichtsförderung

 

Noerdliche_InnenstadtDie Göttinger Kulturantrophologin Jana Pasch, hat das Programm Soziale Stadt am Beispiel der geplanten Ausweisung der nördlichen Innenstadt in Ihrem Vortrag im Rahmen der Veranstaltung „Soziale Stadt – Aufwertung, Verdrängung“ am 4.4.2018 grundsätzlich analysiert. Sie hat mir freundlicher Weise ihr Manuskript zur Verfügung gestellt. So kann ich diese wissenschaftliche Analyse hier dokumentieren.

Das Programm Soziale Stadt

Das Programm Soziale Stadt wurde 1999 von der rot-grünen Bundesregierung eingeführt und ist eingebettet in das politische Konzept einer sozialen Stadtpolitik. In den 1990er Jahren kamen vor allem durch die Thematisierung von Armut und Stadtentwicklung soziale und räumliche Polarisierungen wieder in den Fokus. Zwei miteinander verwobene Diskussionen sind dafür relevant. Zum einen wird vermehrt zu Armut und Ausgrenzung geforscht, es ist die Rede von einer „Spaltung der Städte“ oder der „Krise der Sozialen Stadt“. Zum anderen ändert sich das Verhältnis zwischen Regierung und Gesellschaft. Nicht mehr so sehr Verbote und klare Hierarchien von oben nach unten, sondern Selbstaktivierung und Selbstverantwortung von Menschen getreu dem Hartz IV Motto Fördern und Fordern stehen im Vordergrund und gehen mit dem Abbau wohlfahrtstaatlicher Leistungen einher. Plötzlich wird von Management von ärmeren Stadtteilen gesprochen und Menschen seien an ihrer Armut selbst schuld. In den Städten sollte das Programm Soziale Stadt auf räumlicher Ebene dieses Auseinanderdriften von Arm und Reich aufhalten oder verhindern sowie die Lebensbedingungen in sogenannten benachteiligten Stadtteilen verbessern.

Nun gibt es das Programm schon seit 19 Jahren, sodass bis ins Jahr 2016 124 Millionen Euro ausgegeben und 783 Maßnahmen in 441 Städten Maßnahmen über das Programm finanziert wurden.[1] Eine immer wieder hervorgehobene Innovation ist die Koppelung sogenannter investiver mit nicht-investiven Maßnahmen. Das heißt, es werden nicht nur bauliche Veränderungen vorgenommen, wie dies lange Zeit geschah, sondern auch auf sozialer Ebene Maßnahmen angestoßen. Beispiele dafür wären die Einrichtung eines Quartiersmanagements oder eines Nachbarschaftszentrums. Trotz dieses Anspruchs machen beim Programm Soziale Stadt bauliche Maßnahmen den Großteil der Förderung aus.

Bis die Umsetzung des Programms jedoch beginnen kann und in diesem Stadium ist die Nördliche Innenstadt nun, wird eine Vorbereitende Untersuchung verfasst. Diese wird in Auftrag gegeben, also nicht von der Stadt selbst geschrieben. Für diese Untersuchung wird ein Gebiet festgelegt und abgegrenzt. Anschließend an diese Vorbereitenden Untersuchungen wird ein Integriertes Handlungskonzept verfasst und das Gebiet sowie Maßnahmen nochmals korrigiert und angepasst. Integriert meint dabei, dass mehrere Handlungsfelder, wie Soziales, Infrastruktur oder Baumaßnahmen, miteinander verzahnt werden. In den meisten Fällen starten danach die Maßnahmen und ein Quartiersmanagement wird eingerichtet. Die Stadt als Akteurin agiert dann nicht direkt in den Stadtteilen sondern mittels bezahlter Dienstleister, die Teil des Programms sind.

Das Quartier als Container

Einer der Grundpfeiler des Programms ist der sogenannte „Gebietsbezug“. Die Maßnahmen können nicht dort greifen wo sie gebraucht werden, sondern sie müssen auf das vorher fest definierte Stadtgebiet beziehen. So wird in dem Programmtitel zwar von „Stadtteilen“ gesprochen, doch in der Umsetzung und auch in der entsprechenden Literatur wird immer der Begriff „Quartier“ verwendet, also eigentlich ein künstlich herausgetrennter Bereich aus einem Stadtteil oder einer Stadt. Dieses Gebiet wird meist durch statistische Werte und Indikatoren abgegrenzt und ist damit als ein Territorium mit spezifischen Eigenschaften definiert. Das Gebiet bekommt sozusagen einen Charakter über Zahlen. In Göttingen, beispielsweise der Weststadt oder Grone, wurden die Stadtgebiete der Sozialen Stadt anhand statistisch erhöhter Zahlen von Migrant_innen und Leistungsempfänger_innen ausgewählt. In diesem Fall der Nördlichen Innenstadt sieht das ganze jedoch etwas anders aus, dazu später aber mehr.

Problematisch an diesem Quartiersbezug ist, dass hier ein sehr starres Verständnis von Raum und Stadt zugrunde liegt. Das Quartier wird abgekoppelt von gesamtstädtischen Entwicklungen gesehen und dann anhand von statistischen und räumlichen Merkmalen kategorisiert. Demnach wird davon ausgegangen, dass der Stadtteil Menschen und ihr Handeln, Denken und Leben in unveränderbaren Bahnen lenkt, vorherbestimmt und festlegt. Der Raum wird damit zu einem übergeordneten Prinzip, das alles bestimmt, nicht die Menschen an sich. Menschen werden in diesem Sinne als reine Funktion betrachtet, die Träger bestimmter statistisch erfassbarer Merkmale sind. Der Raum, das Quartier wird damit als gegeben angenommen, er wird zu einer Art Behälter, einem leeren Container, der unabhängig von den Menschen, die in ihm leben, existiert. Dies bedeutet, dass Probleme wie Armut oder Ausgrenzung, mangelnde Teilhabe an gesellschaftlichem Leben, als die Verantwortung des Stadtteils dargestellt wird und nicht als Verantwortung der Gesellschaft.

Gleichzeitig werden viele staatlichen Hilfen für ärmere Menschen zurückgeschraubt und gekürzt. Armut beispielswiese wird damit nicht als ein gesellschaftliches Problem der Einkommens- und Vermögensverteilung und der Verhältnisse betrachtet, sondern erscheint durch den Blick auf den kleinräumigen Stadtteil als ein Problem das durch einen bestimmten städtischen Raum geschaffen wurde und eine statistische Einheit von Menschen in diesem Raum betrifft.  

Die Nördliche Innenstadt als benachteiligtes Quartier?

Doch nach dieser kurzen allgemeinen Kritik am Programm Soziale Stadt möchte ich nun auf das Untersuchungsgebiet Nördliche Innenstadt zu sprechen kommen.

Zum derzeitigen Zeitpunkt beträgt das Gebiet 25 ha, in dem 1.930 Menschen wohnen (Stand 12/2016 )[2]. Als Teil der Innenstadt und durch die zentrale Lage, hat es für die Stadt eine stark repräsentative Funktion. Auch in den Vorbereitenden Untersuchungen wird immer wieder vom Tor oder Eingang in die Stadt gesprochen. Göttingen kommt durch die zentrale Lage in der BRD, der guten verkehrstechnischen Anbindung sowie als Teil der Metropolregion rund um die „Städte[n] Hannover, Wolfsburg und Braunschweig“[3] eine wichtige Rolle zu. Weiterhin wird Göttingen als eine Stadt mit „sehr gut erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern mit historischer Bausubstanz, einem lebendigen Straßenraum, studentischem Wohnen sowie kulturellen Angeboten“[4] beschrieben. Die historische Innenstadt sei ein beliebtes Wohnquartier unter Studierenden. Und „Für die Belebung der Innenstadt [sei] die Stärkung des Wohnens von hoher Bedeutung, sodass neben Angeboten für Familien auch attraktive Angebote für ältere Menschen geschaffen werden müssen.“[5] Für eine Attraktivitätssteigerung für ein jüngeres, explizit studentisches Publikum, sollen mehr private kulturelle Angebote und die Entwicklung von Subkultur sorgen.

Drei Grundpfeiler des Programms für die nördliche Innenstadt sind also sogenannten „städtebaulichen Entwicklungen mit sozialen Ansprüchen – beispielsweise hinsichtlich der Aufenthaltsqualität und des Sicherheitsempfindens im öffentlichen Raum sowie der verkehrlichen Neustrukturierung“[6] Konkret heißt dies: eine Aufwertung der Fußgängerzone und der Geschäftsbereiche, mehr Kulturangebote, öffentlichen Raum vermehrt für öffentliche Großevents nutzen, Licht- und Raumkonzepte shoppingtauglicher machen. Die Zielgruppe sind Ältere Menschen, junge Familien und Studierenden, die hier wohnen sollen. Eingebettet sind diese Ziele in das Regionale Raumordnungsprogramm 2010 in dem Göttingen als Oberzentrum als „Entwicklungsaufgaben Erholung, Städte- sowie Tagungs- und Geschäftstourismus“[7] definiert. Es geht hier also auch ganz klar um den Ausbau touristischer Infrastruktur, Göttingen als Kultur- und Einkaufsstadt sowie als Wohnort für, im Stadtplanungssprech nennt man dies so schön „stabilisierende Bevölkerungsgruppen“. Gemeint sind Angehörige der Mittelschicht. In der Konkurrenz um Standortfaktoren der Städte sind innenstadtnahe, familienfreundliche und grüne Stadtteile beliebt und wirtschaftlich gewinnbringend.

Das Programm Soziale Stadt ist dabei nicht die erste Maßnahme die den Stadtteil aufwerten soll. „Bereits im Jahr 2009 wurde ein Teil der nördlichen Innenstadt als Sanierungsgebiet „Historische Altstadt Nord“ in das Programm Städtebaulicher Denkmalschutz aufgenommen.“[8] Zwei zentrale Bauwerke, die Stocklef-Mühle und die alte JVA, sollten über EU-Gelder saniert werden. Der Antrag scheiterte jedoch. Beide Gebäude liegen zentral und die Stadt betrachtet sie als Möglichkeit der Imagesteigerung und Aufwertung der Innenstadt. Das Programm Soziale Stadt scheint eine letzte Möglichkeit zu sein, die eigenen Immobilen zu sanieren, für die die Stadt von sich aus keine Gelder aufbringen will oder kann. Damit bezuschusst sich die Stadt indirekt über das Programm Soziale Stadt selbst bei Sanierungen, die sie unausweichlich irgendwann hätte durchführen müssen.

Grundsätzlich ist die Nördliche Innenstadt ein untypisches Soziale Stadt Gebiet. Im Gegensatz zu den anderen Gebieten in Grone oder der Weststadt, werden hier nicht die statistischen Daten zugrunde gelegt, nämlich erhöhte Anzahl von Menschen, die im Leistungsbezug leben oder keinen deutschen Pass haben. Denn davon gibt es hier relativ wenige, hier leben vor allem Studierende, die Zielgruppe des Programms ist also bereits vor Ort.

Doch bei der Bürgerbeteiligungsveranstaltung Anfang März wies Thomas Dienberg als Stadtbaurat und Dezernent für Planen, Bauen und Umwelt darauf hin, dass man für die Bewerbung um die Programmgelder auch Defizite aufweisen müsse.

Wer spricht über wen?!

Und wer sucht, der findet. Als zentraler Mangel und Problem im Stadtteil wird immer wieder der Waageplatz benannt. Da heißt es in der Untersuchung:

„Das öffentliche Bild im Untersuchungsgebiet wird nicht allein durch die Bewohnerinnen und Bewohner der nördlichen Innenstadt geprägt. Die Sozialstruktur in der nördlichen Innenstadt (s. Kap. 5.4) ist ausgewogen und lässt nicht unbedingt auf ein besonders sozial benachteiligtes Quartier schließen. Aber es zieht auch viele Einwohnerinnen und Einwohner Göttingens, die nicht im Untersuchungsgebiet bzw. der Innenstadt wohnen, auf die zentralen Plätze der Innenstadt.“[9]

Insbesondere in Bezug auf das Umfeld rund um den Waageplatz würde von einem gefühlten Sicherheitsdefizit, Ruhestörungen und vermehrtem Alkoholkonsum gesprochen.

Baulich ist der Waageplatz tatsächlich nicht besonders schön. Die eigentliche Kritik bezieht sich hier aber doch auf etwas Anderes: Nämlich auf die Menschen, die ihn nutzen. Auch wenn dies hier nicht explizit so benannt wird, geht es hier um als migrantisch wahrgenommene, vor allem junge Menschen, aus Sicht der Jugendhilfe oft minderjährige Geflüchtete, die dort ihre Zeit verbringen, und die in weniger attraktiven Stadtgebieten wohnen. Denn auch wenn die eine oder der andere den Platz nicht schön findet, hat er Vorteile. Er liegt zentral ohne mitten im Trouble der Fußgängerzone zu sein. Man kann sich dort mit vielen Menschen treffen und sich trotzdem auch mal für ein Gespräch zu zweit zurückziehen. Er ist gut erreichbar und alle notwendige Infrastruktur von Imbiss, Supermarkt bis zur Bushaltestelle sind um die Ecke. Ein Ort der Teilhabe, des Mitten-Drin-Seins, des Kontakt Aufbauens. Und all das ohne 3,50 für einen Chai Latte ausgeben zu müssen. Döner, Mc Donalds, New Yorker all diese Geschäfte, die auch in den Vorbereitenden Untersuchungen als Niedergang der Geschäfte beschrieben werden, sind trotzdem Geschäfte in die man gehen kann, wenn man keinen super bezahlten Job hat.

Nun fragt man sich, warum dies als Problem wahrgenommen wird. Die Debatte im Rahmen des Programms ist auch eine Debatte um Lebensrealitäten und welche Berechtigung sie in der Stadt haben. Bei Berechtigung geht es aber nicht nur um die bloße Existenz anderer Realitäten, sondern vor allem um deren Sichtbarkeit. Es geht auch um die Frage wer eigentlich das Recht hat über andere Lebensrealitäten zu urteilen und diese als problematisch für den Stadtteil zu bezeichnen.

Wenn ich eher abends beim Tatort mal ein oder mehr Gläser Wein trinke, statt draußen auf einem öffentlichen Platz Bier aus dem Supermarkt, beschwert sich niemand. Wenn ich gut ausgeschlafen aus meiner schönen Innenstadtwohnung, nach einem guten Lavazza Kaffee in die Stadt gehe und mir Menschen entgegenkommen, die keinen warmen Schlafplatz haben, könnte ich mir denken, dass es in dieser Gesellschaft viel Ungerechtigkeit gibt, viel Unglück, viel Leid, viel Armut. Und gleichzeitig sehr viel Reichtum. Dass ich die Gewinnerin in diesem System bin. Aber offensichtlich und so zeigt es das Programm, denkt sich die Stadt und auch einige Anwohnerinnen: Eure Armut kotzt uns an. Armut soll nicht sichtbar sein. Wenn sich Menschen beschweren, dass sie sich unsicher fühlen, die Polizei erklärt explizit, dass es keine erhöhte Gefahr oder Kriminalität vor Ort gibt, dann setzen sie ihr eigenes Wohlbefinden über das Recht von weniger privilegierten Menschen in der Innerstadt zu sein. Ob sie dort wohnen oder nicht. Und dies tun sie auch, weil sie es können, weil ihre Stimme in der Diskussion eher gehört wird, als die anderer.

Das nennt man Verdrängung und das nennt man einen Klassenkampf von oben gegen die, die sich nicht wehren können, weil sie keine Netzwerke in politische Gruppen oder zur Stadt haben, weil sie sich nicht so einfach durch deutsche Bürokratien arbeiten können oder einfach gerade keinen Kopf haben sich mit solchen banalen Sachen zu befassen, da ihre Familie in einem Kriegsgebiet lebt und sie selbst abgeschoben werden sollen. Diese Realitäten werden jedoch in der Debatte verdrängt, die komplexen gesellschaftlichen Prozesse und Gründe für Ausgrenzung, Armut und Probleme werden ignoriert und lediglich sichtbare Auswirkungen instrumentalisiert und als Begründung für Programme der Stadtteilentwicklung genutzt, in denen Quartiere und damit auch die Bewohner_innen oder in diesem Fall Besucher_innen des Stadtteils zu einem Problem gemacht werden.

Um es zusammenzufassen: Das Programm Soziale Stadt befeuert eine Debatte in der sich häufig der Bilder von Ghettos, gefährlichen Räumen und Parallelgesellschaften bedient wird, die dem Bild einer ‚ausgewogenen‘ räumlichen Ordnung, die sich gegen eine ‚Ballung‘ von ‚Problemgruppen‘ richtet entgegensteht. Dabei werden vermeintlich von einer Normalität abweichende Personengruppen als Gefahr definiert und sich selbst gemeinsam geteilter Werte und Normen versichert, die gegen die Abweichler in Stellung gebracht werden. Die Herausbildung eines Negativimages eines Stadtteils ist damit nicht einfach nur Folge der Beurteilung von objektiven und nachprüfbaren Merkmalen, sondern vor allem das Ergebnis subjektiver Interpretationen, Zuschreibungen und (Vor-)Urteilen.

Beteiligung als Farce

Darüber kann auch nicht der selbst auferlegte Anspruch des Programms, die Bürgerbeteiligung hinwegtäuschen. Diese ist und bleibt eine nett verpackte Beteiligungs-Farce, in der wirklicher Einfluss und Protest nicht vorgesehen und erwünscht ist. Nicht zufällig waren bei der Beteiligungsveranstaltung im März auch nicht die Menschen dort über die in den Vorbereitenden Untersuchungen geschrieben wird, die als störend bezeichnet werden und über die sich demnach so viele Anwohner_innen beschweren. In den allermeisten Fällen suggerieren diese Veranstaltungen, Konferenzen, runde Tische und Foren, Mitsprachemöglichkeiten. Sie wirken wie ein Feigenblatt und so wähnt sich das Programm und die Umsetzenden gegen Kritik in Sicherheit, denn sie können immer sagen: Ihr hättet euch ja beteiligen können. Doch zeigt sich auch hier, dass sich faktisch diejenigen beteiligen, deren Interessen sich in das Bild der professionell Engagierten einfügen. Sie vermitteln bloß die Möglichkeit etwas zu ändern, doch gezeigt hat sich, dass im Einvernehmen mit städtischer Aufwertungspolitik das ‚Machen‘ von den Professionellen ausgeht. So sind es vor allem Akteure die eh stark in einem Stadtteil und bei politischen Entscheidungsträger_innen verankert sind, die sich engagieren und auch im Rahmen des Soziale Stadt Programms Gelder abgreifen können und weiter finanziert werden. Interessanterweise ist die OM 10 zwar in den Untersuchungen erwähnt, spielt jedoch als Akteurin keine Rolle und das obwohl sie eine zentrale Anlaufstelle und für viele Menschen ist und gleichzeitig Selbstorganisation lebt und Verantwortung für den Stadtteil, aber auch die gesamte Stadt übernimmt.

Auch im März bei der Veranstaltung war dies der Fall: Die moderne Methode einer Fish-Bowl Diskussion wirkte als eine Strategie der Pazifizierung, der Befriedung. Indem die große Gruppe der Anwesenden aufgeteilt wurde, wurden auch Kritikpunkte die dort zur Sprache gekommen wären, aufgeteilt. So wurde verhindert, dass Dynamik, Wut und Ärger in großer Runde Luft gemacht werden konnte und dieser direkt vom Publikum entweder beklatscht oder verneint wird. Die Wut und Kritik wurde stattdessen gedämpft und in Kleingruppen verwiesen, in denen man nicht auf den Tisch hauen konnte, sondern eine Diskussion mit extra dafür abgestellten Personen moderiert wurde. Die drei wichtigsten Entscheidungsträger, die die Veranstaltung einleiteten, haben sich den öffentlich für alle wahrnehmbaren Angriffen entzogen und ließen den Konflikt wegmoderieren.

„Oberflächenkosmetik“ und „Mittelschichtsförderung“

Nicht nur bei der Nördlichen Innenstadt muss man sich also die Frage stellen: Wer spricht hier eigentlich über wen? Und mitwelcher Perspektive und welchem Ziel. In der Weststadt beispielsweise, das kein innerstädtisches Viertel mit guter Infrastruktur und Mischnutzungen, wie es sich hier darstellt, war „ein Ziel der Sanierung die „Schaffung eines attraktiven Stadtquartiers und Verbesserung der Wohnqualität für vielfältige den Stadtteil stabilisierende Bevölkerungsgruppen.“[10] Der Prozess der Sanierung und damit der Aufwertung fand also über die Verschönerung und Attraktivierung des Umfeldes statt und wurde gleichgesetzt mit Wohnqualität. Faktoren wie die Bezahlbarkeit der Wohnungen standen dabei hinten an. Diese Vorstellung schlug sich auch darin nieder, dass in Kauf genommen wurde teure Modernisierungsmaßnahmen wie Balkonanbau, Wärmedämmungen, Grünflächen und Ähnliches durchzuführen, die wiederum zu höheren Mieten führen würden. So heißt es dann im Kapitel 8 der Vorbereitenden Untersuchungen zur Weststadt unter dem Punkt „Zusammenfassung der voraussichtlichen Auswirkungen der Sanierung auf die Betroffenen“:

„Die durch mögliche Modernisierungsmaßnahmen zu erwartenden Mieterhöhungen können soziale Ungleichheiten im Stadtteil bewirken. […] Die durch Modernisierung und Mietsteigerungen möglichen Umzugsketten entsprechen darüber hinaus in behutsamen Umfang dem erwünschten sozialen Wandlungsprozess und damit den vorliegenden Sanierungszielen (stärkere Differenzierung der Belegungsstruktur – Eigentumswohnungen, Reihenhausbebauung, neue Trägerformen).“[11]

Hier wird deutlich, dass sich die Verantwortlichen sehr wohl darüber bewusst sind und waren, was die Sanierungen bewirken werden und sie diesen Prozess sogar als wünschenswert bezeichnen, um auf das Sanierungsziel der „stabilisierenden Bevölkerungsgruppen“ hinzuarbeiten. So führen Sanierung und Aufwertung nicht zu einer verbesserten Lebenssituation der Bewohner_innen, sondern zu verbesserten Wohnsituationen im Sinne von steigenden Mieten und damit zu einem Ausschluss ‚unerwünschter‘ Bevölkerungsteile und dem Zuzug besserverdienender Bewohner_innen.

Andrej Holm, ein sehr bekannter Stadtforscher, sagte sehr passend über das Programm Soziale Stadt, dass das „städtebauliche Ziel des Programms […] es daher weniger [ist], die Ursache der Benachteiligung anzugehen, also z.B. gut bezahlte Arbeit zu organisieren, als vielmehr die ‚Zusammensetzung der Bevölkerung‘ zu verbessern.“[12] Holm nennt diesen Ansatz „eine Oberflächenkosmetik sozialer Ungleichheiten.“[13] Durch das Programm Soziale Stadt wird den Programmgebieten, die, wie früher noch die Weststadt, das günstige Wohnen in Innenstadtnähe ermöglichen, dieser Vorteil durch die Aufwertung genommen. Denn wenn die sogenannten ‚Problemgebiete‘ überhaupt einen Vorteil bieten, dann sind es die bislang geringen Wohnkosten.

Diese „offene Flanke der ‚Sozialen Stadt’ zu Gentrifizierung und Mittelschichtförderung“[14] findet nicht nur in Gentrifizierungs-Großstädten wie Hamburg oder Berlin statt, sondern hat in anderem Ausmaß auch in einer Mittelstadt wie Göttingen Auswirkungen auf Lebensrealitäten von Menschen. In diesem Sinne trägt das Programm Soziale Stadt dazu bei, ehemals bezahlbaren Wohnraum in Wohnraum zu verwandeln, der vornehmlich einem ökonomisch gewinnbringenden Image und einer dafür notwendigen Bevölkerungszusammensetzung dient. Verbunden ist diese Entwicklung mit einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz, dass seit vielen Jahren die Förderung eines sozialen Wohnungsbaus praktisch eingestellt [ist].“ Darüber hinaus werden ehemalige Wohnungen des sozialen Wohnungsbaus privatisiert und stehen damit einem preisgünstigen Wohnungsmarkt nicht mehr zur Verfügung. Sie werden der öffentlichen Verantwortung entzogen und vor allem durch den Markt und Privatinteressen bestimmt. So wird der Bereich des Wohnens nur noch unter dem Aspekt problematischer Nachbarschaften und nicht mehr unter dem Aspekt strukturelle Wohnungsnöte eines kapitalistischen Wohnungsmarktes und staatliche Wohnungspolitik, „schlechter Wohnqualitäten und zunehmender Wohnungsnöte“ verhandelt und damit individualisiert.

 

 

[1] http://www.staedtebaufoerderung.info/StBauF/DE/Programm/SozialeStadt/soziale_stadt_node.html. Zuletzt aufgerufen: 13.04.2018

[2] complan Kommunalberatung GmbH: Vorbereitende Untersuchungen nach § 141 BauGB für den Bereich „Nördliche Innenstadt“ der Stadt Göttingen mit integriertem städtebaulichen Entwicklungskonzept. Stand: 5. Dezember 2017. S. 11

[3] Ebd. S. 10

[4] Ebd. S. 6

[5] Ebd. S. 20

[6] Ebd. S. 7

[7] Ebd. S. 12

[8] complan Kommunalberatung GmbH: Vorbereitende Untersuchungen nach § 141 BauGB für den Bereich „Nördliche Innenstadt“ der Stadt Göttingen mit integriertem städtebaulichen Entwicklungskonzept. Stand: 5. Dezember 2017. S. 6

[9] Ebd. S. 35

[10] Vorbereitende Untersuchungen. Göttingen »Westlich Maschmühlenweg«. Modifizierte und aktualisierte Fassung 2009. Im Auftrag der Stadt Göttingen von plan zwei. Stadtplanung und Architektur. (Dipl.-Ing. Brigitte Nieße; Simone Müller MA Soziologie; Dr.-Ing. Klaus Habermann-Nieße). S. 34

[11] Vorbereitende Untersuchungen. Göttingen »Westlich Maschmühlenweg«. Modifizierte und aktualisierte Fassung 2009. Im Auftrag der Stadt Göttingen von plan zwei. Stadtplanung und Architektur. (Dipl.-Ing. Brigitte Nieße; Simone Müller MA Soziologie; Dr.-Ing. Klaus Habermann-Nieße). S. 191

[12] Holm, Andrej: Ungeschminkte Ungleichheit. Die Bundesregierung spart sich die Soziale Stadt. ak – analyse & kritik. Ausgabe 556.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

 

(Bildquelle: complan GmbH)

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Soziale Stadt in Göttingen: Oberflächenkonsmetik und Mittelschichtsförderung

  1. Pingback: Wo ein stadtpolitischer Wille ist, wäre auch ein Weg zu bezahlbarem Wohnraum | Stadtentwicklung Göttingen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s