Die soziale Mischung und die Verteuerung des Wohnraums

Immer wieder hört man in Diskussionen zur Göttinger Stadtentwicklung, es gehe darum, eine gute soziale Mischung im Quartier sicherzustellen. Sei dies bei den BürgerInnenbeteiligungen in der „Grünen Mitte Ebertal“ oder in der Ratspolitik. Eine gute soziale Mischung gilt als wichtige sozial- und wohnungspolitische Strategie. Für einige Quartiere bedeutet das aber Aufwertung und Verteuerung von Wohnraum.

Eine soziale Durchmischung von Quartieren dürfte auch deshalb so gut angesehen sein, weil davon ausgegangen wird, dass, wenn Menschen unterschiedlicher Milieus nebeneinander wohnen, dies den sozialen Austausch fördere. Ob dies aber wirklich so ist, ist bis heute wissenschaftlich meines Wissens nicht belegt. Es wäre auch tatsächlich verwunderlich, wenn einzig und allein die räumliche Nähe zum sozialen Austausch und zum sozialen Miteinander führen würden. Dies hat vielmehr etwas mit gemeinsamen Vorstellungen, geteilten Interessen und der Bereitschaft zum Aufeinanderzugehen zu tun. Nur weil Menschen sich auf der Straße oder im Hausflur begegnen, heißt das noch lange nicht, dass sie deshalb in eine wirkliche soziale Interaktion miteinander treten. Dies bedeutet nicht, dass räumliche Segregation bzw. Trennung unterschiedlicher Bevölkerungsschichten gut oder wünschenswert wäre, sie ist vielmehr der Ausdruck von sozialen Ausschlussmechanismen eben in räumlicher Sicht. Nur umgekehrt bedeutet eine soziale Durchmischung von Quartieren noch lange nicht besseren sozialen Zusammenhalt.

Das Konzept der sozialen Durchmischung, das in Göttingen so stark befürwortet wird, kann aber aufgrund der aktuellen Wohnungsmarktentwicklungen sogar mietpreistreibend und segregationsfördernd wirken. Beispielsweise kann laut aktuellem kommunalem Handlungskonzept zur Schaffung und Sicherung von bezahlbaren Wohnraum die ohnehin wenig wirkmächtige Quote für bezahlbaren Wohnraum in Quartieren mit einem hohen Anteil an Transferleistungsbeziehenden ausgesetzt werden. Die dahinter stehende Idee ist, eine Konzentration von „schwieriger Klientel“ – wie es immer so schön heißt – zu vermeiden. Was das bedeutet, wird zur Zeit in der Grünen Mitte Ebertal sehr deutlich: Dieses Quartier ist bisher durch sehr günstige Wohnungsmieten gekennzeichnet, weshalb hier auch viele Menschen wohnen, die über vergleichsweise geringe Einkommen verfügen. Dies soll von der Städtischen Wohnungsbau sichergestellt werden, indem die abgerissenen und dann neu gebauten Wohnungen kleinere Grundrisse erhalten, die Haushalte also zwar ähnlich hohe Mieten zahlen wie bisher, dafür aber geringere Nutzflächen in Kauf nehmen müssen. Auch hier steigt der Quadratmeterpreis – in welchem Ausmaß, dasswurde von den Verantwortlichen auf den bisherigen beiden BürgerInnenversammlungen, an denen ich teilgenommen habe, jedoch nicht erläutert. Für die richtige soziale Durchmischung sollen aber ohnehin die zusätzlich entstehenden 150 Wohnungen sorgen. Hier wurde bereits von Frau Leuner-Haverich auf den Versammlungen angekündigt, dass diese ganz sicher nicht im unteren Mietpreissegment angesiedelt sein werden. Die Aufwertung des Quartiers und der Bau von Mittelschichtswohnungen dürften aber zukünftig dafür sorgen, dass das Quartier eben auch für Mittelschichtsfamilien – erst recht angesichts des angespannten allgemeinen Göttinger Wohnungsmarktes – attraktiv wird. Die Nachfrage von dieser Bevölkerungsschicht dürfte also in diesem Quartier steigen. Ein allgemeiner Wechsel der BewohnerInnen dürfte damit – schleichend, aber sicher – vorangehen. Man kann nur hoffen, dass die Städtische Wohnungsbau hier frühzeitig gegensteuert. Es ist aber angesichts der auch dort vorherrschenden Befürwortung der sozialen Durchmischung kaum zu erwarten.

Wesentlich drastischer dürfte sich die soziale Durchmischung in Grone Süd auswirken. Das kommunale Handlungskonzept erlaubt in diesem Quartier, in dem nach Darstellung des Investors (ADLER Real Estate) 50% der Haushalte SGB-II-EmpfängerInnen sind, die Quote für günstigen Wohnraum in den dort durch Aufstockung neu entstehenden Wohnungen wohl nicht angewandt wird. Auch hier werden die Mieten wesentlich höher liegen als im Bestand – auch dies wurde bereits von einem Vertreter des Investors im Rahmen einer BürgerInnenversammlung betont. Dass die ADLER dies nutzen wird, um die Wohnungsmieten im Bestand zu erhöhen, hat sie bereits in der Vergangenheit genau dort gezeigt.

Eine gute soziale Durchmischung im Quartier zu erreichen ist auch das Ziel der Ausweisung der nördlichen Innenstadt als Soziale-Stadt-Gebiet. Wie die Göttinger Kulturanthropologin Jana Pasch im Rahmen ihres Vortrags bei der Veranstaltung „Soziale Stadt“ – Aufwertung – Verdrängung. Was macht das mit unseren Mieten“ deutlich gemacht hat, wird auch hier die soziale Verdrängung in der nördlichen Innenstadt vorangetrieben.

BewohnerInnen, Stadtverwaltung und Stadtpolitik sollten also sehr vorsichtig sein, welchem Ideal sie nacheifern. Die soziale Mischung scheint auf den ersten Blick ein gutes und soziales Instrument zu sein. Sie wirkt aber gerade in Quartieren, in denen die Bevölkerung nur über geringe Einkommen verfügt, als Verdrängungsmechanismus. Soziale Mischung dürfte allerdings ein erfolgreiches Konzept in gehobenen Quartieren sein – nur gerade hierhin wird das Konzept nicht übertragen. Warum nur?

 

(Bildquelle: HNA)

 

 

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