Waageplatz-Planungen: Start einer städtisch geförderten Gentrifizierung?

Ich möchte eine städtische Planung kommentieren, die aktuell öffentlich nicht ganz so stark diskutiert wird, dennoch langfristig eine große Wirksamkeit erreichen könnte: Die Pläne zur Umgestaltung der ehem. JVA am Waageplatz. Hier hofft die Stadt auf EU-Fördermittel für ein Hostel, dass unter Beteiligung von Geflüchteten betrieben werden soll. Zusätzlich soll in dem Gebäude Platz für Kulturveranstaltungen und soziale Beratungsangebote geschaffen und dabei die AnwohnerInnen bei den Planungen beteiligt werden. Eigentlich sind all diese formulierten Ziele zu unterstützen. Dennoch, aus stadtgeographischer Perspektive deutet vieles darauf hin, dass dies der Ausgangspunkt eine Aufwertung des Quariters sein könnte, die die Verdrängung der bisherigen BewohnerInnen zu Folge haben könnte.

Natürlich ist die geplante Schaffung von Öffentlichem Raum für Kulturveranstaltungen wünschenswert und auch, dass ein Ort geschaffen wird, in dem verschiedene soziale Beratungsangebote innerstädtisch ermöglicht werden. Dies hebt meines Erachtens aber die anderen Effekte, die von dem Hostelprojekt ausgehen werden nicht auf.

Schon bei der versprochenen Beteiligung der AnwohnerInnen deutet sich in der Praxis an, wohin die Reise eigentlich geht. Die QuartiersbewohnerInnen schlossen sich Anfang des Jahres im „Bürger_innenformum Waageplatz“ zusammen, weil sie den Eindruck haben nicht ausreichend beteiligt zu werden. In einem Gespräch berichteten einige der Forumsmitglieder, dass die Beteiligung zwar stattfinde, aber die grundsätzliche Idee des Hostels gar nicht zur Diskussion stand – sicherlich gäbe es auch andere Konzepte, die den EU-Förderrichtlinien entsprächen, solche können aber überhaupt nicht diskutiert werden. Die Beteiligung bezieht sich laut den AnwohnerInnen lediglich auf die konkrete Raumgestaltung innerhalb des vorgegebenen Projektes. So kann aber über möglicherweise grundsätzliche Probleme der AnwohnerInnen mit dem Projekt gar nicht erst gesprochen werden. Es scheint so zu sein, dass die Stoßrichtung des Projektes damit bereits festgelegt ist:

Es soll ein „Leuchttrum“ für das „Maschstraßenquartier“ werden, wie der Vorstand der Beschäftigungsförderung Dietmar Linne sagt. Bereits als die ersten Überlegungen der Öffentlichkeit präsentiert wurden erläuterte Klaus-Peter Herrmann (SPD), dass „in diesem Viertel […] dringender Handlungsbedarf“ bestehe – und zwar „städtebaulich und sozialpolitisch“. Hier wird deutlich formuliert, dass es darum geht das Quartier langfristig aufzuwerten und die Umgestaltung der JVA als eines der Schlüsselprojekte angesehen wird. Tatsächlich handelt es sich wahrscheinlich eher um die Fortsetzung eines Prozesses, der bereits vor einigen Jahren mit dem Bau des Quartiers am Leinebogen eingesetzt hat. Hier sollte an der nördlichen Innenstadt ein ‚attraktiver‘ Zugang zur Innenstadt vom Bahnhof aus geschaffen und gleichzeitig Wohnungen sowie Gewerbeflächen errichtet werden. Dieses Projekt ist bereits umgesetzt und mit dem Robert-Gernhardt-Platz ein Teilabschnitt des aufgewerteten Zugangs entstanden. Und prompt ertönen aus den für Göttinger Verhältnissen vergleichsweise teuren neuen Mietwohnungen Klagen über die „Problemzone Waageplatz“. Beklagt werden „Gewalt, Drogen- und Alkoholkonsum“. Dies macht deutlich, was innerhalb eines solchen Aufwertungsprozesses geschieht. Die bisherigen NutzerInnen sind den neuen BewohnerInnen ein Dorn im Auge.

Und nun geht es um die Fortführung des begonnenen Prozesses. Mittelfristig geht es auch um die „Sanierung und Umgestaltung“ des als „unattraktiv“ wahrgenommenen Waageplatzes. Wer dabei wohl auf der Strecke bleibt dürfte nach den bisherigen Klagen der neuen AnwohnerInnen des Waageplatzes klar sein: Leute wie Willi Otte und sein Kumpel Peter, die regelmäßig auf dem Waageplatz „zusammen chillen“ und hier Ihre Freunde und Bekannten treffen.

Wesentlich wichtiger für das Quartier soll aber das neue Hostel sein, an dem sich nun erneut Streit entzündet. Nimmt man die Erkenntnisse der geographischen Stadtforschung über Gentrifizierungsprozesse ernst, so dürfte die geplante Aufwertung des Quartiers durch das Hostel wohl für steigende Mieten und damit zur Verdrängung weniger zahlungskräftiger alteingesessener BewohnerInnen führen. Ein solches Hostel dürfte ein attraktives Umfeld für Investoren schaffen, denn es zieht junge Menschen, hauptsächlich Touristen in die Stadt. Dies könnte die Gründung einer angepassten Lokalökonomie aus Pubs, Bars, Clubs, weiteren Fastfood-Restaurants etc. befördern. Und genau dies lässt Investoren hoffen, zukünftig andere wesentlich zahlungskräftigere Klientel in Ihre Wohnbestände locken und die Mietpreise entsprechend steigern zu können. Damit wäre ein Mechanismus in Gang gesetzt, der den Druck auf die ansässige Bevölkerung erhöht und diese würden früher oder später aus ihrem Quartier verdrängt – und dies alles aufgrund stadtpolitischer Interventionen und der Hoffnung auf EU-Fördermittel.

Dieser Effekt mag vielleicht nicht vollumfänglich der erhoffte Effekt der Stadtpolitik sein, ist aber nicht nur ein mögliches, sondern sogar ein wahrscheinliches mittelfristiges Szenario. Die Stadt wäre gut beraten die Sorgen und Vorschläge der langjährigen AnwohnerInnen ernst zu nehmen und mit ihnen gemeinsam eine tragfähige Strategie zu entwickeln, die ein lebenswertes Quartier schafft und gleichzeitig einer sozialräumlichen Verdrängung vorbeugt.

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